Heimatliebe nach helvetischer Art: Wie geht das nochmal? Sind wir stolz auf die Schweiz, wagen es aber nicht zu zeigen? Eine Spurensuche – mit Start im Schrebergarten.
Text: Stefan Gubser/SRF 2

«Eine Flagge bietet immer gleich Gesprächsstoff», sagt der Pächter von Grundstück Nummer 5 im Familiengarten Bruderholz in Binningen. Christian Suter, Chemiker im Ruhestand, sitzt an seinem Gartentisch und schenkt Mineralwasser nach. PET-Flaschen-Romantik und Plastikbecher bei Premiumsicht auf Basel.

Nur den Roche-Turm, das weisse Wahrzeichen der Pharmastadt, kann Christian Suter nicht sehen, wenn er sich eine verdiente Verschnaufpause gönnt. Zwei Bäume verstellen den Blick. Ausgerechnet auf die Roche: Für das Schweizer Chemieunternehmen von Weltrang war Suter lange Jahre als Forscher und Forschungsleiter tätig. Auch drüben in Amerika.

Ebbe im vermuteten Schweizer Fahnenmeer

Der Mann hat ein Händchen für Rosen. Die nobel blässliche «Pierre de Ronsard» umrankt den Torbogen, durch den man Christian Suters Reich betritt. Seit zehn Jahren zieht er hier Gemüse, rote Beeren und die weissen Pfirsiche, um die sie ihn im Garten alle beneiden.

Neben dem Eingang blüht glutrot die Rose, die nach Henri Dunant benannt ist, dem Gründer des Schweizerischen Roten Kreuzes. Kaum Wind an diesem frühen und kühlen Julimorgen: Suters Schweizerfahne hängt schlaff an der Aluminiumstange.

«Er zeigt es nicht so gern»

Christian Suter mag die Schweizerfahne. Die Farben und die im internationalen Vergleich ungewöhnliche Form des Quadrats. «Der Schweizer ist gerne Schweizer, auch wenn er zu verschiedenen Sprachregionen gehört», sagt er. «Aber er zeigt es vielleicht nicht so gern.»

In Amerika hat Suter seinen Forscherfreunden die Entstehung der Schweiz spasseshalber so erklärt: Es war einmal ein Haufen Deutschschweizer, die keine Deutschen sein wollten. Da waren die Westschweizer, die mit den Franzosen nicht wollten. Und es gab die Tessiner, die nicht mit den Italienern konnten.

Die Schweiz nach Suter: Das ist ein Gemeinschaftsgefühl von Gleichgesinnten, geboren aus dem Geiste eines Nicht-Dazugehörens.

Überhaupt: Es herrscht eher Ebbe im vermuteten Fahnenmeer. Der Davidstern. Japans Feuerball. Eine vierteilige farbige Fantasiefahne.

Ist ein Schrebergarten, die lange als bieder belächelte, aber wieder in Mode gekommene Zone an den Rändern der Stadt, nicht traditionell der Ort, an dem man Farbe bekennt? Und sei es nur, weil alle anderen es auch tun?

Sie habe eine Schweizerfahne nicht nötig, sagt Christian Suters Gartennachbarin von schräg gegenüber. Die Frau mit Sonnenhut ärgert sich ungefragt über die vielen und faulen Zugewanderten, die in Basel unten den Bahnhof verstopften. «Ich trage die Schweizer Fahne in mir.»

Er wüsste ja schon gar nicht, ob er die schweizerische oder die italienische Flagge hissen solle, lächelt der Italiener mit dem angeblich grünsten Daumen im ganzen Garten in perfekt gebrochenem Schweizerdeutsch. «Ich bin seit 15 Jahren Doppelbürger.»

Überraschung!

Suters Schweizerfahne war ein Geschenk des Grundstücknachbarn, der ihm schon hinterrücks den Fahnenmast neben dem Holzhäuschen eingepflanzt hatte. Seine alte Fahne war völlig aus der Form geraten – zerschlissen und zerfleddert vom Wind.

«Das wird schon langsam die Schweizer Europafahne», beliebte Suter zu scherzen, als die Schweizerfahne zusehends rechteckiger wurde. Nicht alle fanden es lustig.

Christian Suter, der mit einer Amerikanerin verheiratet ist und sich als Kosmopolit verstanden haben will, ist alles andere als ein Fahnen-Fan, der die Liebe zu seinem Heimatland in Form eines Stück Stoffs zur Schau stellen müsste. Aber wo er nun diesen Mast einmal hatte, konnte er ja Flagge zeigen. Bloss: Welche?