Am 8. Mai 1945 ging in Europa der 2. Weltkrieg zu Ende. Ein ganzer Kontinent erwachte aus einem Albtraum. Die Erleichterung war auch in der Schweiz riesig. Die Angst vor dem Krieg weichte der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. SRF liess Menschen erzählen, die sich an das Kriegsende und die Jahre danach erinnern.

Meine ersten schlaflosen Nächte
Am 8. Mai 1945 war ich in der zweiten Klasse und sieben Jahre alt. Lesen konnte ich bereits. Denn am 3. Februar 1943 entzifferte ich meine erste Schlagzeile – in Frakturschrift natürlich – im «Bund»: «Stalingrad gefallen».
Wie habe ich den 8. Mai 1945 erlebt? Ich erinnere mich ans Glockengeläute und wir bekamen an diesem Werktag schulfrei. Über die Tragweite der Ereignisse machte ich mir keine Gedanken, aber die Erwachsenen zeigten starke Emotionen, Erleichterung, Dankbarkeit, Nachdenklichkeit, aber keine ausgelassene Freude.
Verzicht auf Vaters Geschenke
Klar war mir, dass einige Dinge, die das Leben spannend machten, nun zu Friedenszeiten wegfallen würden. Der Vater würde nicht mehr in den Dienst müssen und damit würden auch die Geschenke, die er uns Kinder aus jeder Dienstperiode heimbrachte – ein Ball, ein Reif, ein «Bäbi» für die Schwester, ein Plüschtier für die jüngeren Brüder – wegfallen.
Wegfallen würden auch die Altstoffsammlungen. Wir suchten zusammen, was es im Haus an Alteisen und Blech und Sonstigem gab, brachte es mit dem Leiterwagen auf den Schulhausplatz und fanden sicher im Altmetallhaufen einen brauchbaren Gegenstand, den wir unbemerkt nach Hause nehmen konnten.
In bester Erinnerung ist mir auch die Verdunkelung. Gelegentlich kam der Kontrolleur vorbei und vergewisserte sich, dass die Lichtschlitze der Fensterläden von innen mit schwarzer Dachpappe abgedeckt waren.
Weiterführender Artikel zu Christoph Zürchers Erinnerungen: Meine ersten schlaflosen Nächte
Die Suche nach dem verschollenen Vater
Madeleine Schadegg-Rück war 19 Jahre alt, als ihr ihre Mutter einen Zettel in die Hand drückte. «Soldat Giberstein, Bernard, geboren in Warschau», stand auf dem Zettel. Und am Zettel war ein Foto festgemacht, ein Foto mit Soldaten. Plötzlich hatte sie einen Vater. «Da war ich geschockt», sagt Madeleine Schadegg-Rück. «Und ich habe den Zettel und das Foto weggelegt».
Der Vater: Ein Geheimnis
Madeleine Schadegg-Rück wuchs mit ihrer Mutter und ihrer Grossmutter auf. Vom Vater hat die Mutter nie erzählt. «Sie hat immer gesagt: Das sag’ ich dir, wenn du gross bist. Und als ich gross war, sagte sie: Darüber rede ich nicht mehr».
Der Vater sei verschollen, sagte die Mutter nur. Auch sonst habe die Mutter niemandem erzählt, dass der Vater ein polnischer Soldat war. «Damit hat sie sich auch geschützt», sagt Madeleine Schadegg-Rück. Die Beziehung war nämlich verboten.
Beziehungen trotz Widerständen
Der Vater von Madeleine Schadegg-Rück war einer von rund 12’000 Polen, die 1940 von der deutschen Wehrmacht an die Schweizer Grenze abgedrängt wurden. Das Korps hatte nur noch wenig Munition, die Lage war brenzlig und der Bundesrat bewilligte den Grenzübertritt. Die Polen wurden in Lagern untergebracht, verteilt über das ganze Land. Sie bauten in der Schweiz Strassen und Brücken. Aber sie durften keine Schweizerinnen treffen.
Weiterführender Artikel zu den Erinnerungen von Madeleine Schadegg-Rück: Der Vater – ein Geheimnis


«Mann muss die Vergangenheit stehen lassen, sonst kommt man nicht weiter im Leben.»
Dora Warth war Auslandschweizerkind der dritten Generation. Ihr Grossvater hatte Ende des 19. Jahrhunderts, wie viele andere Schweizer Melker, Arbeit auf einem der grossen Güter im Osten Deutschlands gefunden. Dass sie Schweizer Staatsbürger waren, fiel erst mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges auf. Die 7-jährige Dora wurde nun regelmässig darauf angesprochen, dass ihr Vater im Gegensatz zu den deutschen Männern nicht eingezogen wurde.
Wirklich greifbar wurde der Krieg für die Primarschülerin erst, als es regelmässig Fliegeralarm gab und als immer mehr Flüchtlinge ins Dorf kamen. Als die Front dann immer näher rückte, bekam das Dorf schliesslich im Herbst 1944 den Befehl zur Flucht.
Weiterführender Artikel zu den Erinnerungen von Dora Warth: Ein halbes Jahr zu Fuss auf der Flucht
«Es war das ganze Jahr Weihnachten»
Die Erleichterung über das Kriegsende war gross – auch in der kriegsverschonten Schweiz. Simone Sieder war an diesem Tag noch ein Baby, an die erste Zeit des Friedens kann sie sich aber noch gut erinnern.
Am 8. Mai 1945 läuteten die Kirchenglocken im Westschweizer Porrentruy alle zwei Stunden. Jeweils fünf Minuten lang. Die Gedenkgottesdienste waren überfüllt, auf dem grossen Platz vor dem Stadthaus strömten Menschen aus allen Himmelsrichtungen zusammen.
In ihren Händen hielten sie brennende Kerzen. Endlich, Frieden! «Es war ein kollektives Aufatmen, aber es herrschte keine Euphorie», erzählt Simone Sieder-Gigandet. «So mancher fragte sich damals bang, ob dem Frieden wirklich zu trauen sei.»
Weiterführender Artikel zu den Erinnerungen von Simone Siedler: Die erste Zeit des Friedens
